VHS Selm
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Anlässlich des Internationalen Frauentags stellen das Gleichstellungsbüro Stadt Selm und die Volkshochschule im FoKuS Selm eine Ausstellung online. Den Veranstalterinnen ist es wichtig, dass im Festjahr 2021 zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ der Blick auch auf das Leben jüdischer Frauen gerichtet ist. In der ehemaligen Landsynagoge im Selmer Stadtteil Bork versammeln sich aktuell 34 Künstlerinnen, Revolutionärinnen, Wissenschaftlerinnen und Intellektuelle. Sie stehen beispielhaft für die Vielfalt von Frauenleben und einer Vielfalt von Benachteiligung, die nicht immer ausdrücklich in ihren Biografien Erwähnung finden, dennoch durchschimmern.

Urkundlich belegt ist, dass jüdische Gemeinden seit der Spätantike ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur sind. Die jüdische Geschichte lässt sich - also sowohl für Deutschland als auch für Europa - weit zurückdatieren.

Die Ermordung von Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Regime hat den nachgeborenen Gesellschaften Menschen als Träger*innen von Kultur genommen. Heutigen, nicht jüdischen Generationen, fehlt das Wissen um jüdische (Alltags-)Kultur und den bedeutenden Einfluss jüdischer Künstler*innen auf die nationale und auch europäische Kultur.

Künstler und Intellektuelle wie Mendelssohn-Bartholdy, Oppenheim, Bloch, Buber, Nussbaum, Adorno, Tucholsky, Canetti, Einstein, Dylan, Kraus, Klemperer, Menuhin und viele andere auch sind bekannt und geachtet, haben Kultur und Wissenschaft beeinflusst und bereichert. Gleichwohl spielte ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, so weit bekannt, in der öffentlichen Wahrnehmung immer auch eine „Rolle“, die möglicherweise oftmals negativ kommentiert wurde und zur Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung im Nationalsozialismus ausreichte.

Jüdische Künstlerinnen und Intellektuelle wie z.B. Nelly Sachs, Barbra Streisand, Else Lasker Schüler, Anna Seghers brillierten ebenfalls in unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen. Doch die ihnen entgegengebrachte Anerkennung unterschied sich nicht zuletzt im Bekanntheitsgrad. Sie sind in einer bestimmten Weise doppelt diskriminiert, nämlich durch ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft und der Kategorie „Geschlecht“.

Im Hinblick auf diese Ausstellung über jüdische Europäerinnen wirken auch die zeitgenössischen globalen Entwicklungen ein: Hetze, tätliche Übergriffe und Intoleranz gegenüber jüdischen Menschen haben in den vergangenen Jahren deutlich erkennbar zugenommen. Dem wiederauflebenden Antisemitismus in Europa gilt es mit Wissen und Bildung entgegenzuwirken.

Die Idee zur Ausstellung ist von den drei benannten Aspekten Judentum, Geschlecht und Anerkennung beeinflusst.

Konzeptionelle Überlegungen

Kaffeetafeln waren und sind immer verabredete soziale Begegnungen (nicht nur, aber auch) für Frauen (gewesen). Diese Verabredungen kommen durch private Einladungen anlassbezogen oder auch im öffentlichen Bereich zustande und können als ein Teil weiblicher Kultur verstanden werden.

Die Ausstellung „Kaffeetafel“ knüpft an diese Tradition an und spielt gleichzeitig mit einer Imagination. Aus der Gegenwart heraus wird eine Einladung an verstorbene jüdische Künstler*innen und Intellektuelle ‚ausgesprochen‘, an der eingedeckten Kaffeetafel Platz zu nehmen.

Kernstück der Ausstellung ist eine klassische Kaffeetafel, die auf einem rechteckigen Tisch mit insgesamt vier Kaffeegedecken angeordnet ist und jeweils an eine Jüdin erinnert.

An jedem Gedeck liegt eine biografische Auskunft über die Person, beschwert von einem Stein. Auf dem Boden liegen weitere Namenschilder europäischer Jüdinnen, die sich wie ein weißes Band um die Kaffeetafel legen und damit quasi eine Erweiterung der an der direkt an der Kaffeetafel sitzenden Gesellschaft darstellen. So ist diese symbolische Erweiterung als ein Zeichen ihrer Zugehörigkeit und als Anerkennung ihres Wirkens zu verstehen: Sie sind nicht ausgeschlossen, sondern zugehörig, nehmen Raum ein und werden wahrgenommen.

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